Zu dieser Grundfrage unserer Zeit fanden sich über 160 Bürgerinnen und Bürger zum EngelbergGespräch zusammen. Prof. Dr. Georg Rainer Hofmann (Wirtschaftswissenschaftler, TH Aschaffenburg), Martin Schwarzkopf (Chefredakteur, Main-Echo) und Rebecca Lang (Familienbegleiterin, Leidersbach) reflektierten die aktuellen Entwicklungen in Wirtschaft, Politik, Kirche und Gesellschaft. Clown Lui kommentierte die Diskussion mit seinem ganz eigenen Blick auf uns Menschen und lud ein, ganz praktisch ins Vertrauen zu gehen. Eine Folgeveranstaltung lädt ein „Gemeinsam – ein Schritt weiter gehen“.
Die „Vertrauensfrage“ scheint eine Frage unserer Zeit zu sein. So viele Bürgerinnen und Bürger wollten sich zusammen mit den Podiumsgästen und Moderator Joachim Schmitt vergewissern. Dabei war der Ansatz des EngelbergGesprächs genau das, was nach gängiger Theorie für den Vertrauensaufbau hilft: In einem Raum ganz real zusammen kommen, auch strittige Debatten führen und doch eine Zusammengehörigkeit spüren. Prof. Hofmann machte in diesem Zusammenhang deutlich, dass sich Vertrauen letztlich immer über Menschen vermittelt. Vertrauen, setzt eine verantwortliche Person voraus und eine KI kann z. B. keinen Verantwortung übernehmen – es ist immer ein Mensch, der die Letztverantwortung hat, weil nur der Mensch mit dem notwendigen Bewusstsein dafür ausgestattet ist.
Diese Frage ist auch für die öffentliche Meinungsbildung relevant. Menschen vertrauen Menschen und auch deshalb sind soziale Medien so attraktiv. Zugleich verwischen sich im Zeitalter von KI „Fake und Fakten“. Für Martin Schwarzkopf braucht es an dieser Stelle mehr als nur einen Namen, sondern Institutionen, die mit einem einklagbaren Anspruch und professionellen Kontrollmechanismen, für Wahrheit stehen. Wenn Social Media einerseits die klassischen Medien als exklusive Informationsquelle in Frage stellt, so ist die damit verbreitete Flut von Falschinformationen zugleich der Grund, weshalb der bezahlte Journalismus wieder wichtig wird: „Wenn über Mainaschaffe eine gelbe Gaswolke gemeldet wird, dann schnellen beim Main-Echo die Zugriffszahlen hoch, weil die Leute doch eine verlässliche Quelle haben wollen“, so Schwarzkopf.
Gleiches gilt für die Wissenschaft, wenngleich es hier nicht nur um Wahrheit, sondern um begründete Analysen und Annahmen geht. Dieser Fall ist strittiger, weil unterschiedliche Theoriemodelle im Wettbewerb stehen und die Kritik grundlegender Teil der Wissenschaft ist. Hofmann betont dazu, dass es hier nicht nur um Vertrauen, sondern um Zuverlässigkeit und Glaubwürdigkeit geht: „Die Zuverlässigkeit bedeutet, dass ein erwartbares Ergebnis heraus kommt. Die Glaubwürdigkeit bedeutet, dass Dinge nicht erfunden, insgesamt nachvollziehbar und letztlich der fachlichen Kritik Stand halten.“ Dabei kann auch Wissenschaft keine letztgültige Sicherheit geben, sondern braucht das Vertrauen in dieses Vorgehen.
Dass es letztlich keine umfassende „Sicherheit“ im Leben gibt, erlebt Rebecca Lang als Familienbegleiterin in Leidersbach jeden Tag. Die Menschen spüren die aktuellen Verrücktheiten der Welt und manchmal verzweifeln sie auch daran: Inflation, Arbeitsplätze, Fremdheitsgefühle in der Nachbarschaft, Hitzesommer, Social Media, … alles ist gleichzeitig und wenn die Menschen damit alleine sind, wird es oft auch schwierig in den Beziehungen. Dem gegenüber erlebt sie, dass eine lebendige Nachbarschaft und ein aktives Umfeld, den Menschen wieder ins Vertrauen hilft. In Leidersbach wird mit viel Herzblut genau das möglich gemacht. Ob Fahrdienste, Kinderbetreuer, Kleiderschrank oder Ehekrise. Wann immer ein Problem auftaucht, findet sich aus der Bürgerschaft in Leidersbach oder mit der Infrastruktur im Landkreis eine Lösung. „Die Leute sind nicht alleine, das schafft Vertrauen und die Leute kommen immer wieder in die Zuversicht“, so Rebecca Lang.
Mit den künstlerischen Kommentaren von Clown und Fakir „Lui“ wurde die Diskussion an diesem Abend noch einmal ganz praktisch. Während er zu Beginn erst mal Durcheinander stiftete, forderte er in der Folge das Publikum heraus, ihm zu vertrauen. Dass sich am Ende eine Teilnehmerin fand, die sich seiner Feuerkunst anvertraute, war dann doch nicht selbstverständlich. Freilich ist „Herr Lui“ nicht irgendwer, sondern in der Region als Direktor des „Circus Blamage“ bekannt. Ihm vertrauen jedes Jahr viele hundert Kinder und Jugendliche (und deren Eltern). Dabei gehen sie ins Vertrauen und entdecken dabei ihr Selbstvertrauen. Nun also auch in der Klosterschänke Engelberg: Tatsächlich war es einer Besucherin möglich, sich eine Flamme von Clown Lui über den Arm ziehen zu lassen – ohne bleibende Schäden zu hinterlassen. Eine Vertrauensfrage.
Damit bestätigte sich auch eine Erkenntnis des Abends: Wir vertrauen immer! Diese zutiefst menschliche Eigenschaft lebt vom ersten Atemzug in uns. Als soziale Wesen, können wir gar nicht anders als vertrauen. Schwierig ist es, wenn wir aus einer Phase der relativen Sicherheit kommen. Die über Jahre beständige Sicherheit in Job, Einkommen, Sozialsysteme, Demokratie, Frieden, Nachbarschaft, Kirche, Technologie, … entwöhnt uns vom Vertrauen. Die damit aufblühende individuelle Freiheit funktionierte vielfach unabhängig von Nachbarn, Arbeitgebern, Journalisten, politischen oder kirchlichen Verantwortungsträgern. Wenn nun plötzlich vieles gleichzeitig in Frage steht, sind wir verunsichert und haben wenig Vertrauen in diese Menschen oder gar einen Gott. Das EngelbergGespräch hat vielleicht dazu beigetragen, dass es wieder wachsen kann. Möglich gemacht haben das die Ehrenamtlichen von KAB sozial & gerecht sowie die Kooperationspartner KAB, Kolping, Martinusforum, Caritas und Kloster Engelberg.
Die Ehrenamtlichen von KAB sozial & gerecht basteln schon daran „Einen Schritt weiter zu gehen“: Am Sonntag, den 26. April laden sie zu einem Waldspaziergang mit Impulsen, um neu ins Vertrauen zu kommen. Informationen und Anmeldungen finden sich hier: https://www.sozialundgerecht.com/event/gemeinsam-einen-schritt-weiter-gehen/








